Mespilus pseudogermanica  oder

Mespilus nongermanica

Die namentlich irreführende Germanische Mispel ist in ihrem ursprünglichen kleinasiatischen Verbreitungsgebiet kaum mehr bekannt.

Die Echte Mispel, aktueller botanischer Name Mespilus germanica L., wurde bereits früh kultiviert, so dass das ursprüngliche Verbreitungsgebiet heute schwer auszumachen ist. Bereits im Mittelalter wurde die Echte Mispel auch in Westeuropa angebaut, deshalb wohl der Artname „germanica“. Dies kann auf die Landgüterordnung (Capitulare de villis vel curtis imperii Caroli Magni) während der Amtszeit von Kaiser Karl dem Großen (747/748-814) zurückgeführt werden. In Kapitel 70 wurde die Echte Mispel als „mespilarios“ aufgelistet, die unter den 16 verschiedenen Obstbaumarten angepflanzt werden sollte. Seitdem ging die Echte Mispel als Mespilus germanica in verschiedene Kräuterbücher ein (Hieronymus Bock, Rembert Dodoens, Carolus Clusius). Carl von Linné (1707-1778) übernahm später diese Bezeichnung als botanischen Namen (Artepitheton) in die Pflanzensystematik.

Über die obsttragenden Bäumen schrieb Plinius d. Ältere (23-79 n. Chr.), dass die Mispel zu Zeiten Catos (Marcus Porcius Cato, 234-149 v. Chr.) noch nicht in Italien war (15,153). Ähnlich wie andere Obstarten, wie Aprikose, Pfirsich oder Kirsche, wurde die Echte Mispel von den Römern aus Kleinasien nach Italien gebracht. In der Folgezeit wurden diese Obstgehölze in nördlichen römischen Provinzen verbreitet. Im Pontischen Gebirge in der Umgebung von Trapezunt (Trabzon) findet man noch heute wildwachsende Exemplare der Echten Mispel.

Die Echte Mispel ist in ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet (Türkei, Griechenland) in Vergessenheit geraten und wird heute von der Japanischen Wollmispel (Eryobotrya japonica) verdrängt. Diese wird dort als „Muşmulla“ bezeichnet, in der Türkei manchmal auch als „Yeni Dünya“ (Neue Welt).

Das Gelände bedeutender archäologischer Sehenswürdigkeiten in Griechenland, wie z.B. in Olynthus, einer antiken Stadt auf der Halbinsel Chalkidike (8. Jh. v. Chr.), oder in Vergina, wo sich der Grabhügel von König Philipp II (382-336 v. Chr., Vater Alexanders des Großen) befindet, wird mit der Wollmispel begrünt, anstatt die heimische Echte Mispel (Mespilus germanica) zu verwenden.

Auf den Märkten wird meist nur noch die gelbe Japanische Wollmispel als Mispel angeboten.

 

In Mitteleuropa ist die Echte Mispel ein Archäophyt, eine bereits vor der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus hier verbreitete Pflanze. Deshalb sollte eine Umbenennung in Mespilus pseudogermanica oder Mespilus nongermanica bzw. Mespilus turcica erfolgen. Damit wäre Verwirrung sowohl in ihrer neuen Wahlheimat als auch in ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet vermeidbar.

Literatur:

Jeanne Dericks-Tan, Gabriele Vollbrecht. Auf den Spuren der Wildfrüchte in Europa. Abadi Verlag, Alzenau 2009, S. 185-188